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Neuwahl in Grossbritannien - Geht "Marmite Mays" Plan noch auf?

Zürich, 05.06.2017

 

An dem klebrigen Lebensmittel "Marmite" scheiden sich in Grossbritannien die Geister. "Liebe oder hasse es", lautet ein Werbespruch für die extrem würzige Hefe-Paste. Die einen können davon gar nicht genug auf ihr Toast schmieren, die anderen verabscheuen sie.

Wenige Tage vor der britischen Parlamentswahl am 8. Juni taucht nun ein neuer Spitzname für die Premierministerin auf: "Marmite May". Theresa May löse starke unterschiedliche Gefühle aus, sagte Jeniffer Hudson vom University College London. Eben wie "Marmite".

Mays Unterstützer setzen besonders viel Vertrauen und Hoffnung in die Konservative - aber wer kein Fan von ihr sei, der reagiere oft mit Wut. Der Chef der oppositionellen Labour-Partei, Jeremy Corbyn, polarisiere dagegen nicht so stark, sagte die Wissenschaftlerin.

Als vor wenigen Wochen die regierenden Konservativen in Umfragen über 20 Prozentpunkte vor Labour lagen, schien May als strahlende Siegerin für viele schon festzustehen. Doch plötzlich schrumpfte der Vorsprung rapide - bis in den unteren einstelligen Bereich. "Das Rennen wird jetzt knapp", meint der renommierte Politikwissenschaftler John Curtice von der Universität Strathclyde in Glasgow.

Der Abwärtstrend der Konservativen hat auch mit Mays Entscheidung zu tun, nicht gemeinsam mit Corbyn in einem TV-Duell aufzutreten. Die Chefs der anderen Parteien nutzten die Gelegenheit, um im Fernsehen May und ihre Politik Stück für Stück zu demontieren.

Kritik an Wahlprogramm

Auch das Wahlprogramm der Konservativen stiess auf Protest: Geplante Einschnitte bei den Pflegekosten kritisierte die Opposition als "Demenzsteuer". "Es gab sofort eine Strategiesitzung", sagte Matthew Goodwin von der Universität Kent. May setzt seitdem wieder auf das Thema Brexit - und nun auch verstärkt auf die Terrorabwehr.

"Jetzt reicht's!", sagte sie energisch nach dem Anschlag auf der London Bridge mit mehreren Toten und Dutzenden Verletzten. Es war die dritte Terrorattacke binnen drei Monaten in Grossbritannien. Im Kampf gegen Islamisten kündigte sie eine härtere Gangart an, etwa längere Haftstrafen für Terrorverdächtige.

Ob das reicht? Man darf nicht vergessen: May hatte zuvor in ihrer Zeit als Innenministerin dem Polizeiapparat gewaltig die Flügel gestutzt, um Kosten zu sparen. Corbyn verspricht in seinem Wahlprogramm hingegen, gleich 10'000 Polizisten mehr einzustellen. Das Thema gewinnt an Bedeutung.

Corbyn gewinnt an Boden

Corbyn konnte mit seinen Wahlversprechen insgesamt an Boden gewinnen: höhere Steuern für die Reichen, das marode Gesundheitssystem auf Vordermann bringen, Energieunternehmen verstaatlichen, mehr Sozialwohnungen.

"Corbyn schadet seiner Partei zurzeit weniger als er das noch vor vier Wochen getan hat", sagte Curtice. Viele halten dem Labour-Chef aber noch vor, dass er sich als Parteichef kaum gegen den geplanten Brexit zur Wehr gesetzt hat. Und das Amt eines Premiers trauen ihm die meisten nicht zu - besonders in Extremsituationen wie dem Terroranschlag von Manchester. Das kann Stimmen kosten.

Und es gibt noch ein Risiko für die Parteien: Grossbritannien hat ein reines Mehrheitswahlrecht. Nur wer in einem der 650 Wahlkreise mehr Stimmen auf sich vereint als jeder der Mitbewerber, erhält einen Sitz im Parlament. Curtice: "Selbst ein erheblicher Vorsprung in den Umfragen bedeutet nicht unbedingt eine grosse Mehrheit im Unterhaus."

Hoffen auf klarere Mehrheit

Warum tut sich May die Neuwahl überhaupt an? Erstens kann sie ihre knappe Regierungsmehrheit ausbauen und so mehr Rückendeckung für die Brexit-Verhandlungen bekommen. Zweitens könnte May sich vom Volk ein Mandat geben lassen. Denn die letzte Wahl hat David Cameron gewonnen. Nach dem Brexit-Referendum ging May aus einem unschönen Machtkampf als seine Nachfolgerin hervor.

Und drittens haben May und ihre Tories so die Chance, sich die Macht bis 2022 zu sichern. Im normalen Turnus wäre die nächste Wahl 2020, also kurz nach dem EU-Austritt. Die Wirtschaft könnte dann straucheln, die Stimmung im Land gekippt sein.

Andere Parteien spielen keine grosse Rolle bei der Wahl. Der rechtspopulistischen und europafeindlichen UKIP-Partei droht sogar der Kollaps. Viele ihrer Wähler fühlen sich inzwischen mit Blick auf die Scheidung von der EU bei den Konservativen gut aufgehoben.

"Die Konservativen werden wohl gewinnen", glaubt Curtice. Aber das Ziel, die Regierungsmehrheit auszubauen, stehe in den Sternen.

Image-Problem

Bleibt noch das Image-Problem: Corbyn gilt als ehrliche Haut, der sich nicht verbiegen lässt und vor allem junge Wähler anzieht. Mit May werden dagegen viele Briten nicht richtig warm. Die Konservative, die ein Faible für auffällige Schuhe hat, wirkt kühl und distanziert.

Das schmälere aber nicht ihre Chancen, erklärt Chris Prosser von der Universität Manchester. "Selbst Leute, die May nicht mögen, sind von ihren Fähigkeiten als Premierministerin überzeugt." Dass "Marmite May" noch am geplanten Brexit scheitern könnte, gilt als eher unwahrscheinlich.

Das wäre der Kultpaste fast passiert. Ein Preiskampf zwischen der Supermarktkette Tesco und dem Hersteller Unilever führte zu Engpässen. Britische Zeitungen sprachen von einem "Marmite-Krieg" - ausgelöst durch das schwächelnde Pfund nach dem Brexit-Referendum. Inzwischen sind die Regale wieder prall gefüllt.