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Gemälde aus der Zukunft - zwei Uraufführungen im Opernhaus

Zürich, 28.05.2017

 

Am Samstagabend gingen im Opernhaus Zürich mit "disTANZ" und "Lady with a Fan" gleich zwei Uraufführungen über die Bühne. Der Abend des Balletts Zürich und dem Orchestra La Scintilla stand unter dem Titel "Corpus" - und die Choreografen Filipe Portugal und Douglas Lee erfüllten unterschiedlichste Erwartungen.

Über der Bühne schwebt ein Körper. Er ist aus 2000 Teilen zusammengeschweisst. Und so gross und prachtvoll, als wäre er direkt aus der Barockkirche San Carlo alle Quattro Fontane in Rom ins Opernhaus Zürich "geflogen". Das dortige Gewölbe diente denn auch als Inspiration fürs Ufo-artige Gebilde (Bühnenbild: Marko Japelj). Es kontrastiert die Choreografie von Filipe Portugal perfekt.

"Corpus" heisst der Abend. Und zu einem Körper gehören Geist und Seele. Denn auch die kunstvollsten Bewegungen wirken erst, wenn sie beseelt sind. Und Felipe Portugal mag die Vorstellung fliegender Seelen auf der Bühne. Der junge Choreograf und Tänzer des Balletts Zürich fragte sich, wie weit sich diese von den Körpern entfernen können und nennt sein Stück entsprechend "disTANZ".

Tanz von höchster Eleganz

Während 40 Minuten zeigt sich das Ensemble in immer anderen Formationen. Zunächst tanzen Frauen und Männer separat, dann bilden sich Paare und weitere Kombinationen. Die Gruppen erscheinen in unterschiedlichen Kostümen: mit angedeuteten Krinolinen, metallischem Glanz über hautfarbigen Anzügen, an Insektenflügel erinnernden Textilien (Kostüme: Claudia Binder).

Das Ensemble zeigt Tanz von höchster Eleganz. Präzise Arme und Beine fliegen durch die Luft. Dazu verändert das Raumschiff sanft seine Position. Bei allem Tanzgenuss kommen solche Disharmonien gelegen: Tänzer verzerren ihre Körper, als wären sie Instrumente, an denen gezupft wird. Zuweilen hängen die Bewegungen zu schön in den Klängen, verbeugen sich fast vor der Musik von Carl Philipp Emanuel, Wilhelm Friedemann und Johann Sebastian Bach.

Die Tänzerinnen und Tänzer versammeln sich zum rituell anmutenden Finale. Daneben berührt das Ufo fast den Boden. Einsteigen? Mit Applaus werden Ensemble und Choreograf hochgehoben.

Auf der Basis eines Gemäldes

Wie von einem anderen Stern wirkt die Uraufführung von Douglas Lee. Seit sechs Jahren arbeitet der Brite als Choreograf. In Zürich zeigte er "A-Life" und "Aria", in Atlanta kürzlich "Playground". Bereits zeichnet er sich durch seinen eigenen Stil aus: übernatürliche und futuristische wie anmutige Bewegungen. Er fordert alles von Tänzerinnen, Tänzern und sich selber, will neues Terrain entdecken und beschreiten.

Bei der Recherche zum Stück inspirierte ihn das Gemälde von Diego Velázquez: "Lady with a Fan". Sie gilt als Mona Lisa der Barockzeit. Bis heute ist nicht genau entschlüsselt, wer sie wirklich war. Eine Intrigantin im Exil? Machtspiele werden ihr angedichtet, Verkleidungen als Mann.

Ein fast schon geniales Stück

Die Dramatik spielt ab der ersten Sekunde mit. Trotz wuchtigem Hängeleuchter ist es düster auf der Bühne. Die Dame mit dem Fächer trägt eine plissierte Robe und eine blonde Perücke. Gesichtszüge sind kaum zu erkennen, dafür Präsenz, Wille, Macht. Forsch dreht sie dem Publikum den Rücken zu, verschwindet in der Kulisse. Diese besteht aus sechs Modulen, die immer neue Nebenschauplätze ermöglichen.

Neben dem Bühnenbild verantwortet der Choreograf auch die Kostüme. Nur eine Halskrause tragen die Tanzenden über den Ganzkörperanzügen. Obwohl hauchdünn, machen sie androgyn: Bewegen sich dort gerade Frauen oder Männer? Und wer ist diese Lady - und vor allem: wo ist sie?

Sechs Wesen erscheinen am Bühnenrand, jedes in anderer Position, jedes wie ein Gemälde. Als ob von Zauberhand eine Kettenreaktion ausgelöst würde, beginnt sich ein Körper nach dem anderen zu bewegen. Die Tänzer scheinen durchströmt von Energie, die Zuschauer elektrisiert: Ist das, was man gerade sieht, wahr? Wie sind derartige Wellen und Verrenkungen mit menschlichen Gelenken möglich?

Fächer werden sicht- und hörbar. Auf einem Modul vollführen Männer in Tellerröcken einen Pas de deux. Weit hinten schreitet die Lady eine Treppe hoch. Ein paar Spuke weiter ist sie dann ihre Robe los. Die Haltung behält sie bis zum Schluss. Das fast schon geniale Stück von Douglas Lee wirkt über den tosenden Applaus hinaus: Draussen experimentiert man heimlich mit dem eigenen Bewegungsapparat.

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