Gazenergie

Geld aus Europa als Rettungsleine für nigerianische Familien

Zürich, 13.06.2017

 

Tausende nigerianische Familien sind angewiesen auf das Geld, das ihre nach Europa geschleusten Kinder überweisen. Kritiker sagen, diese Entwicklung schade der Wirtschaft des westafrikanischen Landes.

Das Haus von Grace und Emmanuel ist das letzte, das noch steht an der Bata-Strasse in Benin City, im Süden Nigerias. Alle Nachbarn sind weggezogen und das Paar im Ruhestand hofft, dasselbe zu tun.

Mit dem Geld, das ihre beiden Kinder aus Italien schicken, wollen sie ein neues Haus bauen. Dutzende Lastwagen sind früher durch die Strasse zu der lokalen Schuhfabrik gefahren, die einst zu Benin Citys industriellen Juwelen zählte. Aber jetzt ist es nicht mehr als ein Feldweg, der von Sümpfen verschluckt wird.

Zur Jahrhundertwende verlagerte der führende Schuhhersteller, der der Strasse den Namen gab, seine Fabrik nach Ghana, frustriert über die ständigen Stromunterbrüche. Etwa 3000 Angestellte, meist junge Leute, verloren ihre Jobs. Seither sind die Hochwasserbarrieren verfallen, die das Gebiet umgeben, das Wasser hat das Land zurückgewonnen und überflutet jede Wohnung sowie die Fabrik.

"Wir haben nichts, keine Lebensmittel, nichts", sagte Grace von einem breiten Sofa aus, das bessere Tage gesehen hat. Die Pension ihres Mannes wurde auch von der Abwertung der nigerianischen Währung, des Naira, getroffen.

Zwei der sechs Kinder des Paares waren vor mehreren Jahren nach Europa geschleust worden. Sie schicken so viel Geld und so oft sie können nach Hause, um ihren Eltern zu helfen, ein neues Heim zu bauen. Das gegenwärtige Haus droht jeden Moment einzustürzen.

"Ich weiss nicht, welche Arbeit sie dort machen. Aber sie arbeiten, sie sind im Ausland, sie müssen sich um mich kümmern. Wenn ich wieder jung wäre, würde ich ins Ausland gehen", sagt Grace.

Geldüberweisungen

Mehr als 37"500 Nigerianer kamen nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration 2016 per Schiff nach Italien. Die meisten von ihnen stammten aus Benin City. Die Stadt ist gespickt mit Netzwerken von Menschenhändlern. Nigerianerinnen, die in Italien landen, werden oft Sexarbeiterinnen, während Männer in Mafia-Netzwerke rund um den Handel getrieben werden.

Das Phänomen kann zurückverfolgt werden bis zur der Zeit als die Industrie der Region Ende der 1980er Jahre zusammenbrach, die Militärherrschaft und strukturelle Anpassungsprogramme zerstörten die Wirtschaft.

Seit fast 30 Jahren überlebt der Bundesstaat Edo, dessen Hauptstadt Benin City ist, dank dem Geld, das über das Mittelmeer zurückgeschickt wird. Selbst kleine Summen sind ein richtiges Monatseinkommen für Familien - sofern das Geld in ausländischer Währung überwiesen wird.

Ausserhalb der Stadt gibt es weder Strassen noch Strom oder Entwässerungsanlagen, dennoch schiessen in den grösstenteils aufgegebenen Feldern Ziegelsteinhäuser wie Pilze aus dem Boden.

Emmanuel Otoide baut ein grosses Haus für einen Kunden, der vor zehn Jahren nach Italien ging und seither nicht zurückkehrte. Die Mutter des Besitzers hat eine Notiz ihrer Pfingstkirche an die Mauer gesteckt: "2017 mein Jahr des grossen Lichts".

"Die Mutter des Eigentümers ist Trinkwasserverkäuferin, sie ist Strassenverkäuferin", sagt der Bauingenieur. Ohne das Geld aus Übersee wäre es unmöglich, das Haus zu bauen. Hinter ihm heben Arbeiter den Grund für das Fundament eines weiteren Hauses von Hand aus, sie schwitzen in der erstickenden Hitze, zehn Stunden am Tag für 3000 Naira (9 Euro).

Kaum Entwicklung

Der Anschein ökonomischer Entwicklung dank der Migranten aus dem Bundesstaat Edo ist ein "Schwindel und nicht nachhaltig", wie Kokunre Eghafona-Agbontaen von der Universität in Benin City sagt. Das den meist sehr armen und ungebildeten Familien geschickte Geld werde nicht in rentable Unternehmen oder für den Kauf von Agrarland investiert

"Die Geldüberweisungen werden auf einer persönlichen oder familiären Basis genutzt, und es gibt keine sichtbaren Beiträge für die Entwicklung der Gemeinde", sagt sie. Schlimmer sei, dass die irreguläre Migration im Bundesstaat Edo zu einem Rückgang des Bildungsniveaus geführt habe. Junge Leute seien überzeugt, dass ihre berufliche Zukunft nicht in Nigeria sei und schauten sich eher danach um, das Land zu verlassen, als ihr Studium fortzusetzen.

Der stellvertretende Gouverneur von Edo, Philip Shaibu, ist gleicher Meinung und sagt, Eltern suchten in derselben Weise nach dem besten Schlepper, um ihre Kinder nach Europa zu schicken" wie sie sich nach einer guten Schule umsehen würden.

"Kinder wollen jetzt auf eigene Faust gehen, diesen Trend wollen wir stoppen." Nach Jahren politischer Untätigkeit hat der neue Gouverneur des Bundesstaats Edo versprochen, die "gefährlichen Kartells" des Menschenhandels auszumerzen. Er will die Industrie neu beleben und 200"000 Jobs schaffen. Das ist allerdings nicht einfach in einem Land, in dem Probleme der Stromversorgung eine Hauptbremse für die Entwicklung sind.

Aber seit 2016 übt die EU Druck auf Herkunftsländer irregulärer Migranten aus, "sanfte Diplomatie", nennt das Shaibu. Er fordert von Politikern, das Problem anzuerkennen. "Wir ziehen es vor, dass unsere Jugend im Ausland wegen ihrer Fähigkeiten gefeiert wird, die sie in Nigeria erwarb, statt dass sie vor der libyschen Küste ertrinkt", sagt er. "Das wollen wir nicht."