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Biafras kurze Unabhängigkeit: Der Sezession folgten 31 Monate Krieg

Zürich, 05.07.2017

 

Am 30. Mai 1967 wurde die Republik Biafra proklamiert. Staatschef des von Nigeria abtrünnigen Gebiets wurde Odumegwu Ojukwu. Doch das Mutterland Nigeria akzeptierte die Sezession der erdölreichen Provinz nicht. Die Folge war ein blutiger Bürgerkrieg.

Die Welt, beschäftigt mit anderen Problemen wie Vietnamkrieg und den zunehmenden Spannungen im Nahen Osten, nahm die Gründung des neuen Staates mit seinen rund 14 Millionen Einwohnern kaum zur Kenntnis.

Doch schon ein Jahr später machte das Land international Schlagzeilen. Hier tobte der erste moderne Krieg seit der Entkolonialisierung auf dem Schwarzen Kontinent. Der Name Biafra wurde zum Synonym für Elend, Hunger und Massensterben. Eine PR-Agentur in Genf sorgte im Auftrag Ojukwus für weltweite Publicity.

Stammesgegensätze

Als Hauptantrieb für die einseitige Unabhängigkeitserklärung der nigerianischen Ostprovinz galten die Stammesgegensätze in Nigeria. Auch hier hatten die Kolonialmächte Afrikas mit ihren willkürlichen Grenzziehungen tiefgreifende Probleme hinterlassen.

Das Volk der Ibos stimmte der Gründung des unabhängigen Staates Biafras begeistert zu. Es stellte rund acht Millionen der Einwohner. Der 76'000 Quadratkilometer grosse Staat durfte auf gute Zukunftschancen rechnen. Er verfügte über reiche Erdöl-Vorkommen an der Atlantikküste und eine auf britischer Ausbildung beruhende, effiziente Verwaltung.

Die von Missionaren überwiegend im christlichen Glauben erzogenen Ibos hatten unter britischer Kolonialherrschaft durch ihre Intelligenz und ihren Geschäftssinn führende Positionen erreicht. Als Nigeria am 1. Juni 1960 die Unabhängigkeit erhielt, beherrschten sie im ganzen Land Kultur und Kommerz ebenso wie Politik und Verwaltung. Sie galten auch als das Rückgrat der Streitkräfte.

Putsch und Gegenputsch

Ibo-Offiziere putschten Mitte Januar 1966 blutig gegen die von Moslems dominierte Regierung in der Hauptstadt Lagos. Nur knapp sechseinhalb Monate später folgte der Gegenputsch, der Jakubu Gowon an die Macht brachte.

Dabei sollen, vor allem in den traditionell dem Islam anhängenden Nordprovinzen, bei Massakern bis zu 30'000 Ibos umgekommen sein, etwa zwei Millionen flohen in das Stammland im Süden. In führenden Ibo-Kreisen reifte der Unabhängigkeitsplan.

Auf die Unabhängigkeitserklärung reagierte Lagos sofort mit einer Wirtschaftsblockade und drohte den Abtrünnigen mit der militärischen Niederwerfung. Am 6. Juli eröffneten die Truppen der Zentralregierung den ersten massiven Angriff gegen den Ibo-Staat, der verzweifelt auf offizielle internationale Anerkennung wartete.

Nur die afrikanischen Staaten Gabun, Elfenbeinküste, Tansania, Sambia und schliesslich auch die karibische Inseldiktatur Haiti waren dazu bereit.

Inoffiziell unterstützten Frankreich, Portugal, Südafrika und das damalige Rhodesien Biafra mit Waffen. Lagos erhielt umfangreiche Hilfe der Sowjetunion und Grossbritanniens. Beiden Mächten ging es um Einfluss in Afrika. Moskau wollte sich einen politischen Brückenkopf sichern, London die reichen Erdölquellen im Niger-Delta nicht verlieren. Die Truppenstärke Nigerias wuchs von 7000 auf rund 180'000 Mann, das junge Biafra verfügte über rund 40'000 Soldaten.

Militärisch chancenlos

Die Streitkräfte der Zentralregierung zogen bis Mai 1968 einen militärischen Ring um Biafra und machten es zu einem Kessel, als der Zugang zur Küste abgeschnitten wurde. Bald wurden die Lebensmittel knapp.

Politiker beider Seiten nutzten die Hungersituation schamlos aus: Lagos wollte durch die Blockade den Widerstand der Ibos brechen, Ibo-Führer Ojukwu löste mit Appellen an die internationale Gemeinschaft, die erstmals die Bilder der hungernden Kinder sah, Ströme von Hilfe aus.

Etwas mehr als 31 Monate nach der Unabhängigkeitserklärung kapitulierte Biafra am 12. Januar 1970. Es war gerade noch 2000 Quadratkilometer gross und nichts anderes als ein Kessel mit rund 3,5 Millionen Menschen - voll Hunger, Verzweiflung, Elend und Tod. Ojukwu hatte sich unmittelbar vor der Kapitulation mit Familie und dem wichtigsten Hab und Gut per Flugzeug ins Ausland abgesetzt.