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Agadez - Kreuzpunkt der Hoffnung und zerronnener Träume

Zürich, 13.06.2017

 

Zehntausende Afrikaner scheitern bei dem gefährlichen Versuch nach Europa zu gelangen. In der nigrischen Stadt Agadez kreuzen sich jene, die nach Norden wollen mit andern, die auf dem Rückweg nach Hause sind.

Mit verfilztem Haar klettert Ibrahim Kande nach vier Tagen in der sengenden Sahara-Sonne aus dem Pick-up-Wagen, auf dem er von Libyen zurück in die staubige Stadt Agadez in Zentralniger gefahren ist.

Agadez ist derzeit die Schlepperhauptstadt Afrikas, ein Kreuzpunkt von Hoffnung und geplatzten Träumen. Hier kreuzen Möchtegernmigranten beim Versuch für ein besseres Leben nach Europa zu gelangen die Wege mit andern, die dabei scheiterten und nach Hause wollen.

Die Internationale Organisation für Migration hat 335"000 Flüchtlinge und Migranten gezählt, die 2016 versuchten, das Land nordwärts zu verlassen, und 111"000 andere, die in der entgegen gesetzten Richtung reisten. Einige wollen nach Algerien gehen, aber die meisten nach Libyen, in der Hoffnung, dort Arbeit zu finden oder ein Boot nach Europa.

Verschärfte Gesetze - gefährlichere Reise

Um die Migration zu unterbinden hat Niger im Mai 2015 eine sehr harte Gesetzgebung erlassen. Aber statt diesen afrikanischen Exodus zu stoppen, hat das die Reise lediglich noch gefährlicher gemacht.

"Ich bin müde, müde. Es ist hart in der Sahara, Wasser und Lebensmittel zu finden", sagt Kande, eine hagerer 26-Jähriger aus Senegal. Die raue Durchquerung der Wüste hinterliess auf seinem Gesicht feinen Sand.

Kande trägt eine schwere Last: er scheiterte nicht nur dabei nach Europa zu gelangen, er ist auch traumatisiert durch den monatelangen physischen und psychischen Missbrauch.

"Das ist alles, was ich habe", sagt Kane und zeigt auf seinen staubigen Trainingsanzug. "Und das ist mein Koffer", sagt er und zeigt auf seine Unterhose, wo er sein Geld versteckt.

"Geld oder Leben"

"Ich wollte Geld für meine Familie verdienen, aber jetzt ist es zu schwierig", sagt der frühere Schneider. Er hat kein Geld mehr, seine Heimreise war von einem älteren Verwandten bezahlt worden.

Nachdem er zwei Monate in der libyschen Oasenstadt Murzuq verbracht hatte, wo er von einer lokalen Miliz gekidnappt worden war und erst freigelassen wurde nach Bezahlung eines Lösegeldes, ist der "glücklich zurück zu sein".

"Sie rufen deine Verwandten zu Hause an und man muss ihnen sagen 'schickt mir Geld, sonst werden sie mich töten'", sagt er.

Und er ist nicht der einzige. Andere aus Senegal, Gambia, Guinea Bissau, Guinea, der Elfenbeinküste, Ghana, und Nigeria erzählen ähnliche Geschichten, dass sie ausgeraubt, gekidnappt und zu "sklavenähnlichen Arbeitsbedingungen" gezwungen worden waren.

Dennoch kommen weiterhin hunderte Flüchtlinge und Migranten in Agadez an, überzeugt davon, dass sie es nach Europa schaffen werden oder dass es in Libyen Chancen gibt.

Die Schande des Scheiterns

Balde Aboubakar Sidiki, ein 35-Jähriger aus der Stadt Kindia in Guinea, hat das Land seiner Familie für 17 Millionen Guinea-Franken (1700 Euro) verkauft, aber er landete in einem libyschen Gefängnis.

Er sagt ebenfalls, dass er gefoltert wurde von seinen Kidnappern, die "mit Stöcken oder elektrischen Kabeln auf seine Sohlen" schlugen.

Sidiki schaffte es, nach Agadez zurückzukehren, aber er kann nicht nach Hause gehen "mit der Schande, das ganze Familienland verkauft zu haben". Stattdessen wird er nochmals versuchen, in Richtung Norden zu gehen.

Aber die Fahrt durch die Wüste, auf einen Ladewagen gepackt zusammen mit bis zu 30 Personen, ist schwierig und gefährlich.

Die Migranten, deren Füsse über die Kante des Ladewagens hängen, halten sich dicht an den Stöcken fest, die zwischen den Wasser- und Benzinfässern verkeilt sind. Die 750-Kilometer-Reise von Agadez an die libysche Grenze dauert zwei bis drei Tage, mit nur wenigen Auftank- und WC-Stopps.

Unfälle sind nicht selten und die Menschen müssen vorsichtig sein, um Armeepatrouillen und vor allem Banditen zu vermeiden, die absolute kein Problem damit haben, Migranten und Schlepper auf abgelegenen Strecken auszusetzen.

"Ich will arbeiten"

"Wir sahen Leichen, die begraben worden waren, die Wüste ist kein sicherer Ort", sagt Eric Manu, ein 36-jähriger ghanaischer Maurer, der nach zwei Jahren in Libyen nach Agadez zurückkehrte.

In der staubigen Stadt aus Lehmziegeln halten die Schlepper die Flüchtlinge und Migranten in Unterkünften, die als "Ghettos" oder "Herberge" bekannt sind. Meist befinden sie sich ausserhalb der Stadt, weit weg von den Augen der Öffentlichkeit und den Behörden.

Die Lebensbedingungen sind äusserst einfach - ein Wellblechdach oder eine Plane als Schutz vor der Sonne, Matten auf dem Boden zum Schlafen und vielleicht ein Kochtopf oder eine Teekanne.

Aber es gibt selten fliessend Wasser oder Strom. "Wenn ich ein ganzes Jahr warten muss, werde ich das tun", sagt Abdoulaye Fanne, ein früherer Schrottsammler aus Südsenegal, der die Ersparnisse von zehn Jahren - 600 Euros - ausgab, nur um nach Agadez zu kommen.

Mittellos und ohne Job hofft er jetzt, dass seine Familie ihm Geld schickt, oder dass er Arbeit findet, um seinen "Transfer" nach Libyen und dann nach Europa zu finanzieren.

"Ich will arbeiten", sagte der 25-Jährige. "Aber ich habe seit meiner Jugend nie einen Job gefunden." Er musste Schmiergeld an Zöllner und Polizisten bezahlen, aber er weiss, der härteste Teil der Reise steht ihm noch bevor - die Wüste, die bewaffneten Gruppen im chaotischen Libyen und die Möglichkeit, im Mittelmeer zu ertrinken.

"Ich wurde in eine arme Familie geboren. Gott entscheidet. Wenn ich unterwegs sterbe, wird das nicht schlecht sein: Ich werde versucht haben, meiner Familie zu helfen", sagt er. "Es gibt keine andere Lösung, Ich hab mich dafür entschieden, entweder zu leben oder zu sterben."